Mißstände im Seniorenbusiness
So versucht man uns Ärzte über den Tisch zu ziehen

Obsttage und Wannenbäder auf Kasse ?

Karlsruhe: In ärztlichen Qualitätszirkeln wird nicht nur über medizinische Themen diskutiert. Mehr und mehr bestimmen jene Problemfelder die Tagesordnung, die den ärztlichen Alltag vergällen. Ganz vorne in der Negativ-Hitliste stehen Konflikte mit Pflegediensten und Senioreneinrichtungen, die letzteren mit steigender Tendenz.

Das Thema war wieder einmal unerfreulich: Bei den Besuchen in Pflegeheimen, so ein Kollege, nerve ihn die immer häufiger vorgetragene Aufforderung nach handschriftlichen Eintragungen ins Kartex. Ganz unsinnig, stöhnte ein anderer, sei der Wunsch von Hilfspersonal des benachbarten Wohnstifts, die den Patienten gefertigten Medikamenten-Pläne auch noch abzuzeichnen.

Die legalen Auswüchse der Pflege-Bürokratie spielen aber nur eine untergeordnete Rolle; in manchen Alten-Einrichtungen laufen ganz andere Sachen.

Das liest sich im Sitzungs-Protokoll eines Hausärztlichen Qualitätszirkels im Süden der Fächerstadt folgendermaßen: "Neue Verordnungsanforderungen, z.B. aus dem Erlenweg (gemeint ist das Wohnstift Karlsruhe-Rüppurr) betr. BD-Messung, Medikamentenverordnung, BZ-Kontrollen, Obsttagen, etc. werden nachverlangt, obwohl nicht hinreichend geklärt ist, wie es zur Indikationsstellung dieser Verordnungen gekommen ist".... Die Doktoren waren sich einig, daß die Bedürfnisse der Bewohner nicht unvermittelt nach oben geschnellt waren, und Obst gehöre ohnehin auf den Speiseplan. "Notwendig erscheint auch der Hinweis, daß alle geforderten Leistungen von ausgebildetem Krankenpflegepersonal erbracht werden müssen", heißt es weiter, womit die allgemeine Ansicht wiedergegeben ist, daß dem nicht so sei. In diesem Zusammenhang ergrimmt es die Kolleginnen und Kollegen, daß, um es vornehm auszudrücken, der freien Arztwahl der Bewohner gelegentlich nachgeholfen wird, wovon manche Kollegen in ungebührlicher Weise zu profitieren scheinen.

Den Vogel schoß das Markgrafenstift Karlsruhe-Durlach ab. Von dort kam eine Verordnungsanforderung auf Wannenbäder für eine neu eingegezogene Bewohnerin, die die Klettertour zur Benutzung der Badewanne nicht bewältigt.

Bäder sind aber Pflegeleistungen im Rahmen einer Grundpflege, für die es nach geltendem Recht - und zwar sowohl für Kassen-, als auch für Privatpatienten - eine gesonderte Verordnungsmöglichkeit gar nicht gibt. Grundpflege wird im Rahmen der Pflegeversicherung bezuschußt. Im vorliegenden Fall sind jedoch auch die Voraussetzungen für Leistungen aus der Pflegeversicherung mit Sicherheit nicht erfüllt.

Das ausgebuffte Personal, dem ganz entgangen war, daß Vollbäder für die auch mit Herzproblemen behaftete Patientin nicht das Richtige sind, war gleich mit einem Knüppel zur Hand, der Forderung Nachdruck zu verleihen: Im Falle einer Weigerung des Arztes sei mit Arztwechsel zu drohen.

Da haben wir, wie so oft in ähnlich gelagerten Fällen, gleich mehrere Lumpereien beieinander: Einmal den schmuddeligen Versuch, eine Geldquelle schräg anzubohren, zweitens die Nötigung des Arztes, drittens das Nichtvorhandensein einer altengerechten Badearchitektur in einem Haus, das alte Menschen mit der Verheißung eines beschützten Alterns anlockt, für teures Geld Wohnung zu nehmen.

Ebenerdig begehbare Duschen, die Forderung eines jeglichen geriatrischen Curriculums, sucht man im Markgrafenstift vergebens. Die Bewohner des dringend renovierungsbedürftigen Bauwerks, dessen Name Exclusivität vorgaukeln soll, sind auf für einen alten Menschen schwer begehbare Badewannen angewiesen, die gefahrlos ohne fremde Hilfe nicht benutzt werden können.

Weil es nach Nepp aussieht, die für das Etikett des Hauses ohnehin schon gehörig blechenden Bewohner auch noch für Handreichungen beim Baden löhnen zu lassen, so hatte ein ganz Schlauer ausgekocht, könnte man ja einmal nach einem Kostenträger hierfür Ausschau halten; die Ärzte, die Deppen, die werden schon dabei behilflich sein.

Dem auf diese Zumutung hin verfaßten geharnischten Beschwerdebrief ("Abzocken") des Hausarztes an die Heimleitung war ein überraschendes Echo beschieden und brachte zudem eine bedenkliche Verflechtung Karlsruher Senioreneirichtungen an den Tag.

Post kam vom Rüppurrer Wohnstift, Erlenweg 2, wo es übrigens an altengerechten Bädern nicht fehlt. Dort residiert, so die Auskunft, "in Personalunion" die Karl Friedrich-, Leopold- und Sophien-Stiftung, der weitere 6 sogenannte Altenhilfeeinrichtungen angehören, unter anderem das Markgrafenstift Durlach.

Das wutschäumende Antwortschreiben kam vom Direktor des Karlsruher Senioren-Konglomerats persönlich, der den Briefeschreiber belehrte, "die Leistungsansprüche nach SGB V bzw. SGB XI, um die es hier aber letzlich gar nicht geht, die aber vermutlich für die beihilfefähige Anerkennung ausschlaggebend sind, sind vielfältig und in der praktischen Durchführung, wie sicher auch Sie wissen, zur Zeit noch sehr verwirrend".......

Nein, Direktor Hurst, dem man die Genugtuung anmerkt, über ein Imperium zu herrschen, sieht dort keine Probleme und Defizite und ist sich sicher, daß das Markgrafenstift mit seinen düsteren Korridoren, abgelatschten Teppchböden und zerschlissenen Tapeten (Photodokumentation), eine "Marktbereinigung nicht zu befürchten hat".

Recht hat er! Denn die kartellartige Konzentration von sieben großen Altenhilfeeinrichtungen in einer Gemeinde sichert diesen eine marktbeherrschende Stellung vor Ort - schlecht für kritische Interessenten oder gar aufmüpfige Bewohner.

Ob die Patientin jemals eine Dusche erhält, die sie zu selbständiger Körperpflege befähigen würde, muß man bezweifeln.

Gegen die Machenschaften rühriger Heim-Manager im Verein mit lokalem Filz und, leider, servilen Erfüllungsgehilfen aus den eigenen Reihen sind Arzt und Patient gleichermaßen hilflos, zumal die Staatsanwaltschaften sicherlich andere Prioritäten sehen, als in Grauzonen des Sozialrechts herumzustochern.

Eine hervorragende Möglichkeit, derartige Mißstände zu beseitigen und das Senioren-Business durchschaubarer zu machen, wäre die Ausdehnung der kürzlich in Dortmund vorgestellten gemeinsamen Aktion von AVAP (Arbeitgeberverband ambulanter Pflegedienste), DGVP (Deutsche Gesellschaft für Versicherte und Patienten und BDA (Hausärztebund) zur Gründung eines Instituts zur Qalitätssicherung auf den gesamten, also auch stationären Pflegebereich einschließlich sogenannter Seniorenwohnheime.

Direktor Hurst, der sich als der verantwortliche Kopf für die "neuen Verordnungsanforderungen" selbst outete, die mittlerweile übergeordnete Kassengremien beschäftigen sollen, sieht auch keinen Anlaß, sich von den rüden Sitten gegenüber Ärzten zu distanzieren. Das Beschwerdeschreiben unseres Hausarztes ist für ihn eine "Unverschämtheit".