Noch'n Schein, doch'n Scheinchen?

Wieder ein Malheur in diesen lausigen Zeiten! Ein Infusionsschlauch hatte sich selbstndig gemacht, war in weitem Bogen herumgeschwungen und hatte an gut sichtbarer Stelle die Wand bekleckert.

Der Schaden war erst nach Antrocknen der Infusionslösung in seinem ganzen Ausmaß sichtbar. Meine Perle griff sogleich beherzt zum Schwamm - waschfeste Farbe war garantiert - und machte aus den kleinen Kleckerchen einen großen, häßlichen Fleck.

Tagelang mieden meine Helferinnen und ich den Anblick der verunzierte Wand und sannen auf Remedour.

Schließlich meinte die eine, mehr geschmäcklerisch veranlagte, hier würde sich eine schönes Bild gut machen; daran ermangele es in der Praxis ohnehin. Die andere, mit Sinn für's Praktische, schlug eine Info-Wand vor, an der über Praxisbesonderheiten bezw. besondere Fähigkeiten des Praxisinhabers - die glauben an mich, das tut gut aufgeklärt werden könnte; in ihrem Fitness-Studio hingen die Diplome der Trainer reihenweise an der Wand.

Die Sache mit dem Bild wurde rasch verworfen, da bei der Eigensinnigkeit eines Großteils des Klientels hieraus nur Nachteiliges für das Image der Praxis entstehen könnte. Was dem einen gefällt, behagt dem anderen nämlich mitnichten. Nein, daß jemand zum benachbarten Kollegen wechselt, weil ihm ein Bild an der Wand nicht gefällt, mochte ich nicht riskieren.

Über eine Info-Wand hingegen brütete ich tagelang. Schließlich soll man sein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Was aber hinhängen? Meine Lebensbiografie vor Augen, unternahm ich eine gnadenlose Bestandsaufnahme.

Klar, daß sich das Abiturszeugnis für derlei Zwecke nicht eignet. Zwar würde die Eins in Musik den Doktor als musischen Mediziner ausweisen, was nicht schaden kann, aber vielleicht könnte gerade dieses zu Anwerbeversuchen ortansässiger Gesangsvereine führen, die ich, nicht ohne Ansehensverlust, leider ablehnen müßte. Heute noch ärgere ich mich darüber, auf Drängen eines inzwischen verstorbenen Patienten Mitglied des hiesigen Obst- und Gemüsevereins geworden zu sein und den Mut nicht zu finden, endlich auszutreten, denn der Obst-und Gemüsebau ist nicht mein Metier.

Die Staatsexamens-Urkunde? Gewiß, ein bedeutsames Dokument, aber ebenso wie die Approbation und die Ernennung zum Allgemeinarzt von fragwürdigem Nutzen für eine Info-Wand. Schließlich zweifelt niemand daran, daß ich Arzt bin. Jene Patienten aber, die am liebsten zum Heiler gingen, sich aber bei mir ernstgenommen fühlen, könnte es angesichts dieser Scheine plötzlich aufstoßen, daß ich Schulmediziner

bin. Die kann ich damit nicht verprellen!

Was habe ich nicht alles sausen lassen! Eine ganze Wand voller Scheine und Berechtigungen hätte ich in den letzten Jahren erwerben können:

Einen für Akupunktur, der wird gleich von mehreren Gesellschaften und Vereinigungen angeboten. Muß sich lohnen und stellt vermutlich keine allzugroßen Ansprüche an den Intellekt, hat doch ein in der Nähe niedergelassener Orthopäde, seitdem er für's Spritzen kein Honorar mehr erhält, damit angefangen.

Genauso verhält sich's mit der Chiropraktik. Davon halte ich auch nichts. Woran man aber nicht glaubt, davon soll man die Finger lassen.

Einen für Asthmatikerschulung. Der würde mir gebühren, denn das ist mein Metier. Ich habe einige umliegende Kollegen zum gemeinsamen Leasen eines wertvollen Spirometers angestiftet, über dessen Anwendung wir uns natürlich fortgebildet haben. Asthmatiker werden hier mit allen psychologischen Kniffchen geschult und motiviert.

Einen für Autogenes Training. Das führe ich zwar seit meiner Niederlassung durch, besitze aber einen dekorativen Schein leider auch hierfür nicht.

Diabetikerschulung! Ich habe in meiner Klinikzeit über mehrere Monate die Diabetes-Ambulanz einer Universitätsklinik mitbetreut und schule und motiviere meine Diabetiker, bis mir die Stimme versagt. Soll ich da noch einen Schein erwerben und Zeit und Geld dafür opfern?

Rückenschule: Seit Jahr und Tag verläßt kein Rückenleidender die Praxis ohne handgefertigte Skizzen mit nützlichen Übungen zur Kräftigung der Muskulatur und dem Hinweis, daß nur tägliches Üben nützt. Dieser Schein kostet immerhin einen ganzen Samstag Kursteilnahme, ist aber mit 300 Märkern preiswert zu haben.

Nicht aber alle Scheine sind erschwinglich. Für die Teilnahme an der Fortbildungsreihe des Geriatrischen Zentrums Bethanien Heidelberg zur Geriatrischen Rehabilitation im ambulanten und stationären Bereich, Kursdauer zwei Samstage, ziehen die frommen Bibelchristen den Doktoren 2 Riesen aus der Tasche. Das rechnet sich zwar mit Sicherheit für die Bethanier, wohl aber kaum für die Mehrzahl der Seminaristen. Haben die sich mal überlegt, wieviel Patienten sie beackern müssen, bis damit dieses viele Geld verdient ist?

Welcher engagierte Hausarzt betreut seine geriatrischen Patienten nicht umfassend und, wenn gewünscht, unter Einbeziehung aller Hilfsdisziplinen, wer fleht nicht jugendliche Kettenraucher unter Tränen an, endlich vom Tabak zu lassen, wer hat nicht hundert Sprüche, Tricks und Broschüren zur Motivation und Schulung seiner Asthmatiker, Fettleibigen, Bewegungsfaulen, Diabetiker, Kreuzlahmen und hautkrebsgefährdeten Sonnenfanatiker unentwegt parat - ohne ein

Vorzeige-Scheinchen an der Wand?

Was soll also der Schmarren mit den Scheinchen, habe ich mich gefragt, und beim Nachsinnen kam mir sogleich die Galle hoch. Denn während die scheinlosen Doktoren für ihre qualifizierten Bemühungen, die sie zu allen Tageszeiten und während der Hausbesuche leisten, nur im Rahmen floatender Punktwerte unter Budgetknebelung kümmerlich entlohnt werden, streichen die mit den Scheinchen fette Honorare in gesicherter DM ein.

Für die Doppelstunde Schulung insulinpflichtiger Diabetiker gibt es in Baden Württemberg bei den Primärkassen beispielsweise 660 Mark p r o Patient und Doppelstunde, für die Rückenschule DM 30.-- und für die Jugendgesundheitsberatung DM 79.--. Was da alles zu holen ist, faßt der DIN A4 Informationsbogen über die Präventions-Vereinbarungen der Kassenärztlichen Vereinigungen in Baden-Württemberg nur, weil kleingedruckt gehalten.

Doch der DM-Quell aus den genannten Leistungen sprudelt nicht für den Hausarzt, der weder die Zahl geeigneter Patienten endlos vermehren, noch diese ohne Ende schulen und rehabilitieren kann, schon gar nicht geriatrische.

Nur die Nutznießer unseres Abrechnungsunwesens, fachärztliche Praxislöwen mit viel Laufkundschaft, werden aus ihren Scheinchen Honig saugen können.

Ich sehe mithin keinen Grund, in hektischen Scheinerwerb zu verfallen und dabei ganze Wochenenden und viel Geld zu verplempern; die Mühe lohnt sich nicht.

Den Fleck an der Wand habe ich als budgetbedrohter Allgemeinarzt, der seine Groschen beieinanderhalten muß, so billig wie möglich beseitigt - mit Pinsel und Farbe.